Ländliche Räume und die Kunst: eine Liebe auf den zweiten Blick

„Wir können mit Kultur nicht heilen, was Politik und Wirtschaft kaputt machen“

Juliane Stückrad, promovierte Ethnologin, hält den ersten Vortrag zum Thema Stadt–Land–Rand. Als Beispiel wählt sie den Ort Gössnitz, zeigt Bilder vom privaten Kabarett des Ortes, erzählt von Bootsrennen auf dem Feuerlöschteich, gibt liebevolle Anekdoten von den einfachen Leuten dort wieder. Wie sieht die historische Prägung aus? Bauernland, Junkertum, dann Naziherrschaft, dann DDR. Gutsherren und die spätere LPG prägen die Mentalität der Bewohner bis heute. „Immer hat einer gesagt wo es langgeht – und jetzt?“ Ländlicher Raum in Ostdeutschland wird durch seine Kleinstädte geprägt. In den Blick geraten diese kleinen Oberzentren mit ihren Eigenarten. In ihnen wird sich entscheiden, ob Kunst und Kultur in der Provinz eine Chance haben. Damit ist dann auch der Veranstaltungsort Parchim gemeint, eines der Oberzentren im Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns. Als Wissenschaftlerin nimmt Stückrad kein Blatt vor den Mund. Sie zeigt ganz deutlich, was ihre Untersuchungen ergeben haben: „Wir können mit Kultur nicht heilen, was Politik und Wirtschaft kaputt machen“.

 

Kultur auf dem Land ist Anspruchsdenken

Theaterpädagoge Thilo Grawe ist der zweite Vortragende an diesem Tag. Er spricht zum Thema kulturpolitische Perspektiven der darstellenden Künste, hat gerade an einem Buch mitgewirkt, das den Titel Theater in der Provinz trägt. Kulturelle Teilhabe ist für ihn ein zentraler Begriff in der Diskussion um das ländliche Theater. Gerade das vielfältge Provinztheater stehe hier vor großen Herausforderungen. Infrastruktur, Geld, Raum und Zeit sind ein Mangel. Grawe hat sich mit der soziologischen Ebene des Themas beschäftigt und sich die Zahlen angeschaut. Wer geht ins Theater? Welche sozialen Faktoren werden gerade beim Thema Theater wichtig im Verhältnis Großstadt und Kleinstadt? Die Vereinnahmung des ländlichen Raumes durch den üppiger ausfallenden Betrieb in den Großsstädten betrachtet Grawe kritisch. Den Satz „Wir müssen die Kultur auf’s Land bringen“ interpretiert er als anmaßenden und übergriffigen Anspruch der urbanen Kultur.

 

Ein Blick vom Rand ins Innere

Auf die beiden sachlichen, kritischen Vorträge zur besonderen Stellung des Theaters im ländlichen Raum folgt ein interaktiver und kreativer Workshop zum Festivalmotto Stadt – Land – Rand. Leiter des Workshops ist der Performer Lajos Talamonti. Er wirft die Teilnehmer*innen sofort in eine Situation: Ein Asteroid ist an dieser Stelle, wo wir uns gerade befinden, auf die Erde geknallt. Jetzt ist da ein Krater. Die Teilnehmer sind an diese Stelle gekommen, an den Rand des Kraters, sie schauen hinein. Was ist hier passiert? Das Gespräch als großes Gleichnis von Provinztheater und Kometenknall.

 

Theater 1:1

Während die Sonne durch die hohen Fenster bis unter die Decke wandert, finden freie Gruppengespräche über das Leben und Wirken am Theater im ländlichen Raum statt. Ein letzter Austausch im Sitzkreis bringt wieder neue Erkenntisse. Auf der politischen Ebene muss sich etwas ändern. Das Umdenken von prozentualen Verteilungsschlüsseln auf neue, auf die Realität an den Theatern angepasste Methoden muss bei der Förderung umgestellt werden. So viel Jugendtheater wie Kinder im Ort? So weit soll es nicht kommen. Der ländliche Raum als Stigma, als ein Gebiet, über das gesprochen wird, ohne mit den Leuten vor Ort zu reden, das gilt es zu vermeiden. Das Reden von „denen“, also aus der Perspektive der großen Metropolen, muss aufhören, denn „die“ wollen nicht nur „auch was“ vom Theater oder „nur ihres“, sondern eben echte Teilhabe, eins zu eins.