Wie wir begehren

Elischa, LOVE ME HARDER sucht nach anderen Versionen von Männlichkeit. Gibt es mehr als eine Form?

 

Am Anfang unserer Proben stellten wir uns die Frage, ob es nicht nur eine oder mehrere, sondern auch keine Form von Männlichkeit geben kann. Also einen Ort, an dem man sich jenseits stereotyper Geschlechternormen bewegt, an dem Begehren und Geschlecht fluide sind, sich wandeln und an dem diese Wandlungsfähigkeit gefeiert wird. Eine zentrale Frage ist, inwiefern uns alle gewisse Konstruktionen von Männlichkeit* formen ("der Rahmen, in den wir passen müssen, ist männlich", heißt es am Anfang des Stücks) und inwiefern in einer patriarchalen, heteronormativen Gesellschaft Leben, Alltag, Politik und wie wir begehren stets durch Männlichkeit* definiert werden. Und steckt nicht in eben der Form, wie wir begehren, vielleicht gerade ein Potential, gegen gewisse Formen von toxischer Männlichkeit* – also einer Männlichkeit*, die sich über Dominanz und Aggression definiert und die eigene Verletzlichkeit negiert – aufzubegehren?

 

In der Inszenierung zeigst Du Dich sehr offen und freizügig. Deine Performance ist Ausstellung, Konzert, Party und Theater. Wieviel davon bist Du selbst?

 

Das Stück spielt damit, Fiktion und Biografisches miteinander zu verweben. Viele Bilder oder Texte basieren auf autobiografischem Material von Gianna, Marie und mir. Themen wie homosexuelle Männlichkeit* und jüdische Männlichkeit* sowie mein Bezug zu Musik bringt meine Biografie mit sich. Während der Proben war das für uns wichtig. Im Laufe des Stücks entkleide ich mich einerseits und gleichzeitig nehme ich andere Formen, Haltungen und Geschichten an. Uns interessierte von Anfang an, inwiefern ein als männlich gelesener Körper, ein jüdischer Körper, ein queerer Körper oder ein weißer Körper objektiviert werden und sich nach und nach als Projektionsfläche dem Publikum anbieten kann.

 

Wie erzeugst Du diese Nähe?

 

Im Stück gibt es in der Regel nur eine erste Reihe. Das erlaubt mir und dem Publikum sich gegenseitig – zunächst körperlich – extrem nah zu sein. Vor allem wie meine Stimme gewisse Lautstärken annimmt, also die Art wie ich eine Person anspreche und nur von ihr gehört werden kann, spielt eine große Rolle. Diese Sprechhaltung, die räumliche Nähe und ein respektvoller Umgang während der Interaktionen mit dem Publikum der auf consent – also gegenseitigem Einverständnis, Fragen, Blickkontakten besteht – etablieren die zentrale Klanglandschaft, in der sich unser Stück aufhält und in dem sogar ein intimer Raum entstehen kann. Innerhalb dieser Klanglandschaft fächern sich nach und nach show-artige, frontale Momente auf, in denen sich der interaktive Raum auch als Konzert etabliert. Aber auch hier oder vielleicht gerade hier habe ich oft das Gefühl, eigentlich viel nackter zu sein. Wenn ich Musik mache, schäle ich eigentlich alles ab: meine Haut, alles was Hülle ist, mache mich am angreifbarsten und fühle mich gleichzeitig unglaublich sicher. Die Inszenierung, die Beleuchtung und die Szenografie erlauben mir und dem Publikum wiederum, dieses sich-häuten und nackt machen als Show und Performance zu begreifen. In diesen Momenten bin ich räumlich weiter weg vom Publikum, spüre aber ein wachsendes Vertrauen im Raum und ein einander kennenlernen und einander sehen.

 

Elischa Kaminer

Elischa wohnt und arbeitet als Komponist, Performer und Theatermacher in London und Frankfurt am Main. Er studierte Komposition an der Royal Academy of Music in London sowie am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen. Seine Arbeiten wurden in Theatern, Konzertsälen und Festivals in ganz Europa, den USA, Kanada und Korea gezeigt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, darunter den Francis Chagrin Award, den Andreas-Werckmeister Orchester Preis und zuletzt gemeinsam mit dem Team um Choreographin Olivia Hyunsin Kim den Amadeu Antonio Preis. Seit 2019 ist Elischa künstlerischer Leiter des Londoner Ensemble x.y für zeitgenössische Musik. Mit CHICKS*freies performancekollektiv arbeitet der Künstler seit 2018 zusammen. Eine neue Produktion am Schauspiel Hannover ist bereits geplant.

 

CHICKS* freies performancekollektiv vereint Jugendliche, Experten und interdisziplinäre Künstler unter der Leitung von Marietheres Jesse und Gianna Pargätzi. Sie begeben sich auf intensive Rechercheprozesse und suchen nach dem Gemeinsamen in ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten, nach dem, was sie umtreibt, was sie loswerden und ändern wollen.

CHICKS* sind feministisch. Sie betrachten Bilder von Geschlecht und Identität in Popkultur, Medien, Politik, persönlichem Umfeld und Geschichte als Spiegel gesellschaftlicher Machtstrukturen, die sie performativ umarbeiten. In ihren Performances verknüpfen sie interaktive und installative Formate mit einem Bildertheater der Objekte und Atmosphären.

 

Bilder rechts:

Bild 1

Auf dem Marktplatz in Parchim haben wir mit Elischa und CHICKS* freies performancekollektiv über LOVE ME HARDER gesprochen.

 

Bild 002 & 003

Das Kollektiv betrachtet Bilder von Geschlecht und Identität als Spiegel gesellschaftlicher Machtstrukturen, die sie performativ umarbeiten.

 

Video

Elischa hat den Soundtrack zum Stück selbst komponiert.