Die Regisseurin Salome Dastmalchi im Interview

 

Salome, bei den Draufgängerinnen geht es um eine kollektive Schwangerschaft, die es 2014 in Bosnien und Herzegowina bei sieben minderjährigen Mädchen tatsächlich gegeben hat. Worum geht es noch?

 

Es geht um die Autonomie der schwangeren Teenager, um ihre Befreiung und Selbstbehauptung. Sie wollen selbst bestimmen, was mit ihren Körpern und Seelen passiert. Und es geht um das Muttersein, was oft romantisiert wird, es wird nicht offen über die Themen wie Schwangerschaft, Geburt, Fehlgeburt, Abtreibung, Aggressionen dem Kind gegenüber und Ängste geredet. Kinder und deren Erziehung sind ein Kraftakt und alle tun so, als wäre das immer nur schön und erfüllend. Es ist wunderschön, ja, aber auch anstrengend und frustrierend. Das Thema ist belegt mit klischierten Bildern von glücklichen Familien und es gibt dabei viele Tabus wie das Stillen. Das kann eine Mutter auch als unangenehm und nicht erfüllend empfinden. Mit der Inszenierung möchte ich diese eingeschliffenen Ansichten aufbrechen, offener werden, Tabus bewusst ansprechen.

 

Tanja Šljivar hat den Mädchen, die 2014 nicht zu Wort kamen, mit dem Stück eine Stimme verliehen. Auf der Bühne sind auch die Jungen schwanger. Warum?

 

Das hängt mit dem Rollenrassismus am Theater zusammen. Noch immer werden Rollen nach physischer Konstitution, Alter, Aussehen, Geschlecht und Herkunft vergeben. Aber wo, wenn nicht am Theater, darf man alles sein? In der Schauspielschule wird uns grenzenlose Kreativität und Fantasie gelehrt und am Theater unterliegen wir dann den konservativen Strukturen und einer uninspirierten Arbeitsweise – und bedienen dann lebenslang ein Rollenfach. Ich wünsche mir, dass das Theater als Institution offener wird, jeder jede Rolle spielen darf, es um den Menschen geht, die Persönlichkeit des Spielers. Deshalb habe ich bewusst Jungen schwangere Mädchen spielen lassen. Dass ein Mann nicht schwanger sein kann, ist eine Grenze, die das Theater bewusst überschreiten darf.

 

Die Darsteller sind selbst noch Teenager. Wie arbeitet man mit so jungen Menschen, Mädchen wie Jungen, an so einem ernsthaften Thema?

 

Die Basis meiner Arbeit ist, dass ich nicht caste. Ich frage die Jugendlichen an, ob sie mit mir arbeiten möchten. Castings machen unsicher, das weiß ich aus eigener Erfahrung, und wenn eine Zusammenarbeit aus Unsicherheit heraus entsteht, kann das meiner Meinung nach nicht richtig sein. Augenhöhe statt Hierarchie ist der Schlüssel meiner Arbeit, gerade bei jungen Menschen. Ich muss sie meist an ein ernsthaftes Thema heranführen und das geht nur, wenn ich jede einzelne Person vom Ensemble in ihrer Ganzheit erfasse, sehe, wer da vor mir steht, Raum schaffe für das gesamte Team. Zuerst reden wir sehr viel über das Thema, über unsere Erlebnisse, unsere Ansichten, dann lesen wir Sekundärliteratur dazu, schauen uns Filme an. Erst danach beginnt die Phase der körperlichen Arbeit, welche aus Impulsübungen oder Improvisationen besteht.

 

Wie erreichst Du diese Augenhöhe?

 

Ich schaffe eine persönliche Beziehung zu den Schauspielern. Wir lernen uns kennen, werden offener miteinander, teilen unsere Gefühle und stärken die Gemeinschaft. Das beginnt damit, dass ich mich in meiner Ganzheit zeige, mit meinem Schicksal, meinen Schwächen. Nur wenn ich das mache, können sich auch die Darsteller*innen öffnen, ganz ohne Druck. Wir sind alle Menschen, nicht mehr und nicht weniger. Die Proben finden natürlich in einem geschützten Rahmen statt, in dem jegliche Form der Entfaltung möglich sein soll. Die Besetzung, die ich habe, ist für mich immer meine Idealbesetzung. Ich zweifle sie nicht an, auch nicht das Talent der einzelnen Spieler*innen, sie befinden sich bei mir auf einem sicheren Fundament des Vertrauens, sie müssen mir nichts beweisen.

 

Salome arbeitet mit themenbezogenen Improvisationen. In den Proben stellt sie den Schauspielern Fragen, die sie zur Auseinandersetzung, zur Reflektion, zum Hineinfühlen in ihre Rollen anregen sollen. Einige Fragen waren:

 

  • Wie bist du schwanger geworden?
  • Was fühlt es sich an, zwei Streifen auf dem Schwangerschaftstest zu sehen?
  • Wie fühlt es sich an, schwanger zu sein?
  • Welche Gedanken hast du, wenn du dein Kind nicht behalten willst?
  • Wie ist es, wenn du dein Kind behalten willst, aber zur Abtreibung gezwungen wirst?
  • Wie schmerzhaft ist eine Geburt?
  • Wer ist der Vater deines Kindes?
  • Wovor hast du Angst, wenn du daran denkst, Mutter zu sein?
  • Was macht es mit dir, wenn sich dein schreiendes Baby nicht beruhigt?

 

Fragen, die den Teenagern in Bosnien und Herzegowinaim Jahr 2014 nicht gestellt wurden. Sie wurden nie gefragt. Weil man ihnen damals keine Stimme gab, versucht das Theater, Antworten zu finden.

 

 

Was bewirken diese Fragen?

 

Ich komme an die Emotionalität der Schauspieler*innen heran. Das ist der erste Schritt: ihre Gefühlswelt zu entdecken, anzusprechen, zu erleben. Erst danach bringe ich den Text in die Proben. Das alles basiert auf einer sehr intimen und verletzlichen Zusammenarbeit, die aber auch humorvoll ist. Humor ist für mich ein Schlüssel zu Gefühlen. Ich bin der Meinung, man kann mit jungen Menschen sehr ernsthafte Themen bearbeiten, wenn man sie geschützt damit konfrontiert und das Team jederzeit trägt.

 

Wie siehst Du die Schauspieler*innen damals und heute?

 

Sie haben sich enorm entwickelt und auf das Stück eingelassen. Die jungen Schauspieler*innen wachsen mit ihren Rollen, ihren Aufgaben, ihren Gefühlen. Am Anfang hatte ich bei den Proben keinen Zugang zu bestimmten Gefühlen von einigen Spielern. Dann haben wir sie gemeinsam durch die Arbeit gefunden. Das war für uns alle eine großartige Entdeckung und Reise. So konnten sich die Schauspieler*innen auf der Bühne in dem Gerüst der Inszenierung freispielen, neue Haltungen und Improvisationen ausprobieren. Es war eine Freude, ihnen dabei zuzuschauen. Das war ein Reifeprozess, auch körperlich, denn irgendwann passten die Anzüge nicht mehr so wie am Anfang. Aus Jugendlichen werden Erwachsene, das berührt mich sehr.

 

Warst du manchmal mehr Pädagogin als Regisseurin?

 

Am Jugendtheater trage ich eine hohe Verantwortung. Manche Improvisationen waren so heftig, dass jemand danach noch weinen musste. Wir arbeiten immer die Proben auf, setzen uns zusammen, erklären einander, was wir empfinden und lassen alle Fragen und Gefühle zu. Ich begleite die Schauspieler*innen dabei und entwickle mitunter mütterliche Gefühle für sie. Dagegen kann ich herzlich wenig tun. Diese Liebe und Hingabe ist die Basis, auf der ich arbeite. Ich beschütze mein Team bei der Arbeit, ich achte auf sie. Ich bin keine klassische Theaterpädagogin, bin es nie gewesen, ich habe nur diesen großen Beschützerinstinkt und einen starken Sinn für Gerechtigkeit. Als Regisseurin muss man Verantwortung tragen. Dieser Beruf hat für mich etwas mit der Liebe zur Kunst und zu den Menschen zu tun, zu ihren Seelen. Es ist für mich ein Geschenk, Zugang zu den Seelen von Menschen zu finden. Das mag vielleicht etwas spirituell klingen, aber genau das ist für mich das Theater. Ich will die Seelen der Spieler*innen auf der Bühne sehen und spüren. Der ganze Rest interessiert mich nicht, es langweilt mich nur.

 

Über Salome Dastmalchi

 

Salome ist in Berlin geboren, ihre Eltern kommen aus dem Iran. Sie trägt den Nachnamen ihres Vaters, der als politischer Gegner 1992 das Mykonos-Attentat in Berlin überlebte. Salome studierte Schauspiel an der Hochschule der Künste in Bern und war anschließend als freischaffende Schauspielerin tätig (HAU, Heimathafen Neukölln, Ballhaus Ost, Ballhaus Naunynstraße). Ab 2010 schrieb und inszenierte sie eigene Stücke, aber auch Texte anderer Autoren, unter anderem am Ballhaus Naunynstraße, an den Sophiensaelen oder am Deutschen Theater Berlin. Heute steht sie nicht mehr als Darstellerin auf der Bühne und richtet ihr Interesse auf „das große Ganze“. Sie hat einen fünfjährigen Sohn und ist alleinerziehend.